Geschichte
Das
Figurentheater im Piemont hat alte Wurzeln. Das ist eine
besonders reiche Tatsache, die aus der Region - mit ihren
vielfachen Nachbarn im Laufe der Zeit - eine der für das
Marionetten- und Handpuppentheater bedeutendsten geographischen
Gegenden macht: nicht nur durch die große Zahl der Gesellschaften,
sondern weil diese, indem sie herumwanderten, ihre Tradition
und die Sprache des Piemont in einen großen Teil Norditaliens
getragen haben. Die Masken Gerolamo-Gironi, Gianduja,
Giacometta, Famiola haben eine besondere Kultur verbreitet,
die, durch die historischen und politischen Ereignisse,
ein Spiegel der Ereignisse des Risorgimento wurden, und
sich als eine der Begleiterscheinungen des Schicksals
dieser Kompagnien erwiesen.
Ein Beweis dafür sind die außerordentlichen Erfolge des
Turiners Giuseppe Fiando: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts
übersiedelte er nach Mailand, um dort ein so berühmtes
Marionettentheater zu eröffnen, dass es in den größten
internationalen Reiseführern dieser Zeit erwähnt wurde
und so zu einem Pflichtziel für alle ausländischen Reisenden
auf der Entdeckung der italienischen Wunder wurde.
Aber es handelt sich hier nicht um einen Einzelfall; unter
den zahlreichen zu dieser Zeit populären Kompagnien verdient
es zumindest die von Teresa Gioannini Gandolfo
erwähnt zu werden, die durch fast ein halbes Jahrhundert
unter Schwierigkeiten verschiedenster Art eine ausdauernde
Vertreterin der Turineser Puppenspielerszene ist. Eine
Frau, die zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert zu Pferd
eine alles andere als kleine Kompagnie leitet und verwaltet,
ist eine Ausnahmeerscheinung, und das nicht nur in der
Welt des Theaters.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts sind die Namen, die auf
einander folgen, so viele: Giòanin d'ij Osei, "der
Kaiser" der Puppenspieler, besungen von Angerlo Brofferio,
Carlo Cuniberto, Giovanni Battista Sales
und Gioacchino Bellone (die Erfinder Giandujas)
und dann die Familien Lupi, Colla, Monticelli, Razzetti,
Rizzi, Rame, Ajmino, Pallavicini, Marengo, Burzio, Gambarutti,
Sarina, Concordia, Canardi, Niemen…
Einige von ihnen rühmen sich einer jahrhundertelangen
Geschichte wie die Lupi in Turin, oder die Colla, die
sich in Mailand niedergelassen haben, oder die Monticelli
jetzt in Ravenna, während die Niemen noch jetzt wie vor
Zeiten im Piemont herumreisen. Andere dagegen haben das
Marionettentheater für das Schauspielertheater verlassen:
das ist der Fall bei der Familie Rame, deren Urvater Pio
der Großvater von Franca Rame ist, die zusammen mit Dario
Fo eine Dramaturgie des Engagements und der Volkstümlichkeit
entwickelte und teilte, die ihnen den Nobelpreis brachte.
Zu der beruflichen Seite gesellten sich literarische und
künstlerische Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, wie das
Teatro delle Piccole Maschere des Schriftstellers
Umberto Gozzano bei der Pro Cultura Femminile,
oder die raffiniertesten symbolistischen Marionetten des
Bildhauers Felice Tosalli angeregt durch den Circolo
degli Artisti: eine Linie des künstlerischen Theaters
die bis zum Teatro dei Sensibili von Guido Ceronetti
und seinen ideenreichen Marionetten führt.
Aber die Geschichte der Piemontesischen Marionetten und
Handpuppen lebt nicht nur vom Ruhm der Vergangenheit oder
von Einzelerscheinungen. Tatsächlich erreichte die Erneuerung,
die zum modernen Figurentheater führte, immer das Piemont.
Am Ende der Sechzigerjahre waren es dann die Erfahrungen
der Compagnia dei Burattini di Torino von Giovanni
Moretti - zusammen mit Maria Signorelli und
Otello Sarzi in Rom - die die Entstehung einer
neuen Entdeckung und einer neuen Sensibilität auszeichnete
und die auch dem entstehenden Jugendtheater den Weg bereiteten.
KOMPAGNIEN
Im
Kielwasser dieser neuen Auffassungen wurde Ende der Siebzigerjahre
die Vermehrung der Kompagnien unterstützt, die, parallel
zum Aufschwung der Tradition, das vielfältige aktuelle
Panorama auszeichnen sollten. Das Figurentheater kann
wirklich nicht auf ein Gebiet der Veranstaltungen reduziert
werden, sondern es ist eine grenzüberschreitende Form,
indem es Tanz, neues Theater, Musik, Bildende und Darstellende
Kunst einbezog….
Es ist also kein Zufall, dass sich unter dem Veranstaltungsangebot
des Piccolo Regio dauernd Stücke finden, die solche Bühnenausdrucksformen
benützen, sei es durch ausgezeichnete Gastspiele, sei
es durch echte der Inspiration von Künstlern wie Claudio
Cinelli oder Luca Valentino anvertaute Eigenproduktionen.
Aber Figurentheaterstücke sind in den verschiedensten
Theater- und Musikfestivals präsent, von MiTo zum
Festival delle Colline Torinesi, vom Teatro
a Corte in den wunderschönen Winkeln der Savoischen
Residenzen bis zum Festival del Circo Contemporaneo
von Grugliasco. Ebenso sind solche Aufführungen in
den Saisonprogrammen der Fondazione Circuito Teatrale
del Piemonte oder in einigen ihrer Sonderprojekte
anzutreffen.Zusammenfassend
ist das Figurentheater im Piemont eine äußerst lebendige
Wirklichkeit, fähig, sich den Erneuerungen zu öffnen und
ein entschieden heterogenes Publikum zu verzaubern.
Aber kommen wir zu den Kompagnien, die heute in diesem
Gebiet wirken. Von den historischen Kompagnien setzen
die Compagnia Marionette Lupi und Il Gran Teatro
dei Burattini dei Fratelli Niemen ihre Tätigkeit auf
den Spuren der Tradition fort.
Die Lupi sind die älteste Kompagnie Italiens. Der
Gründer Luigi Lupi (1794 - 1856) kommt 1815 aus Ferrara
ins Piemont. Das ist der Anfang einer ruhmreichen Geschichte,
bestimmt, sich mit der von Turin als Hauptstadt zu verknüpfen.
Das Theater der Lupi wurde das Theater, in dem sich die
Stadt spiegeln konnte. Vom Risorgimento zum Ersten Weltkrieg,
von den Weltausstellungen zu den Kolonialkriegen, zu den
industriellen Erfolgen der Fiat, das ist die Geschichte,
die auf der Bühne der Lupi abläuft, erzählt, während sie
noch Reportage ist. Noch am Anfang des 20. Jahrhunderts
konnten sich die Lupi des unglaublichen Durchschnitts
von 90.000 Zuschauern pro Jahr rühmen: es gibt keine vergleichbaren
Theaterveranstalter in der Stadt. Heute, nach wechselhaftem
Schicksal, ist die Aktivität der Gruppe eng verbunden
mit der des Theatermuseums in der via Santa Teresa, das
eine Auswahl der Schätze der Familie zeigt.
Die Niemen, alte, im Piemont verwurzelte Zirkusfamilie,
sind die letzten Vertreter von etwas, das einmal il trattenimento
del Gianduja (Giandujavorstellung) genannt wurde. Mehr
als 150 Jahre brachten die Niemen ein gleichsam unverändertes
Repertoire auf die Bühne, bereisten das Piemont und die
ligurische Küste intensivst mit Aufführungen voll frischem
Volkstums. Emma Maria Niemen (Jahrgang 1920), Doyenne
der Familie, mit ihren lebendigen Erinnerungen, und der
Sohn Eliseo Bruno mit seinen Handpuppen auf den Plätzen,
sind die Letzten, die die Erinnerung an eine alte Kunst,
behütet mit all der Weisheit Giandujas, bewahren.
Was dagegen das moderne Figurentehaer betrifft, setzt
seit 1979 die Kompagnie Il Dottor Bostik/Unoteatro
mit Konsequenz ihre persönliche Linie fort, sowohl
für ein Kinder- als auch für ein Erwachsenenpublikum,
mit Aufführungen von klar sichtbarer Wirkung, verbunden
mit Ereignissen des täglichen Lebens und engagierter Thematik.
Stärke der Aufführungen ist die besondere Beziehung zwischen
Animator und Figur, die es Dino Arru, Seele der Gruppe,
gelingt, in einer Mischung aus Unruhe und Zärtlichkeit
aufzubauen.
Zwischen Bildender Kunst, Musik und Tanz bewegen sich
dagegen die hoch entwickelten Experimente von Controluce
Teatro d'Ombre mit Aufführungsprojekten, bei denen
lyrische Elemente und anspruchsvolle musikalische Formationen
vereint sind. Die ausgezeichnete Zusammenarbeit und die
Universalität der Sprachen haben es der Gruppe - gegründet
von Alberto Jona, Cora De Maria und Jenaro Meléndrez -
erlaubt, wichtige internationale Anerkennung zu erlangen.
Auch in Turin arbeitet seit ca 30 Jahren die Compagnia
Grilli. Entstanden aus der Sammelleidenschaft des
Ing. Augusto Grilli, wird die Kompagnie heute von seinem
Sohn Marco geleitet, der, nachdem er sich in den verschiedensten
Techniken des Figurentheaters versucht hat, ein ausgezeichneter
Handpuppenspieler des traditionellen Figurentheaers geworden
ist und die Maske des Gianduja belebt.
Das Teatro Alegre von Pinerolo bewegt sich in den
Erforschungen der Ausdruckskräfte der Marionette und ihrem
Wesen. Die Kompagnie wurde 1995 von Georgina Castro Küstner
und Damiano Privitera in Folge der Arbeit mit der berühmten
Gruppo Taller de Marionetas di Barcellona gegründet. Die
technische Perfektion vereint mit der programmatischen
Strenge ist das Stilmerkmal der Kompagnie.
Il Melarancio von Cuneo, unter der Leitung von
Gimmi Basilotta und Marina Berro, gegründet 1982, entwickelt
seine Aktivitäten vorwiegend auf dem Gebiet des Jugendtheaters
und verbindet die Techniken des Figurentheaters mit denen
des Schauspielertheaters. In den letzten Jahren hat sich
die Kompagnie jungen Puppenspielern geöffnet und bietet
eine weitere erfolgreiche Linie von Angeboten für ein
Kinderpublikum
Die Kompagnie Aldabra Teatro von Verbania spezialisierte
sich auf Aufführungen, die wie lebendige Bücher sind,
während Il Gufo Buffo von Paolo Grasso gefundene
Materialien und glückliche Erfindung zu pädagogischen
und gleichzeitig humorvollen Mikrogeschichten vereint.
Unter den in letzter Zeit gegründeten Kompagnien hat Oltreilponte
Teatro von Beppe Rizzo durch eine solide Verschmelzung
von Schauspielerei, Musik und Puppenspiel eine eigene
Note gewonnen: ein Weg, der ihn ein gepflegtes Repertoire
auf Volkstheaterlinie finden ließ. Gianluca di Matteo
hat dagegen die Traditionen neapolitanischer Guarattelle
ins Piemont gebracht, Ausgangspunkt für eine persönliche
Durchforstung anthropologischer Anregungen, während das
Teatro Distinto von Alessandria sich durch Minimalismus
und Glanz der Bilder verbunden mit dem Tanztheater auszeichnet.
Aber es gibt sehr viele Piemontesische Figurentheaterkompagnien.
Es sollen wenigstens erwähnt werden: La Furattola von
Verbania, die seit 1979 Aufführungen für Kinder produzieren,
die traditionellen Marionetten von Maurizio Lupi,
die Handpuppen von Magico Teatro und von
Teatro Baraonda, die Geschichten der Bottega
Teatrale von Giuseppe Cardascio, die Phantastereien
von Andy Rivieni, das schwarze Theater von Marivelas
und von Balaò, der Circo delle Pulci (Flohzirkuns)
von Chiara Trevisan, die Erzählungen mit Figuren
des Teatro delle Selve und von Alessandra Otarda,
die Varieténummern des Babaciu Theatre und von
Guizzi di Marionette, die gesangreichen Scherze
von Le Due e un Quarto, die Schatten von
Merceria Barbagli und von La vecchia soffitta,
und dann noch die sonderbare Verbindung von Theater und
Physik des Teatro delle Incognite.
Das
Piemont beherbergt schließlich äußerst fähige Puppenbauer,
an die sich viele Kompagnien für ihre Aufführungen wenden,
von Natale Panaro, geschätzt als echter Meister,
zu Francesco Furone und Andrea Rugolo.
Eine extra Erwähnung verdienen die ideenreichen Marionetten
des Teatro dei Sensibili von Guido Ceronetti. Wie
jedes visionäre Theater besitzt auch das Ceronettis eine
sehr klare stilistische Richtung. Viele halfen ihm, seine
Träume wahr zu machen, als erste unter allen, bei der
Ankunft in Rom, seine Frau Erica Tedeschi und dann Carlo
Cattaneo und Giosetta Fioroni, und Freunde durch ein einfaches
Zeichen, wie Ugo Nespolo, oder durch ein Geschenk, wie
Federico Fellini, und dann, vor allem, Hände von Schauspielerinnen-Vestalinnen
und von verschiedensten Mitarbeitern, um eine Compagnie
ins Leben zu rufen, die keine Kompagnie ist. Das Teatro
dei Sensibili ist wilder Wechsel, der Farben mit Tönen
mischen kann, Barnaba Caccù (den Mädchenmörder aus La
Iena di San Giorgio, Theaterstück in den Dreißigerjahren
im Theater der Niemen gesehen) mit Garibaldi, Rimbaud
mit den schwarzen Löchern. Es ist ein mystischer Vergnügungspark
und als solcher entflieht er den Hausmauern, in die er
eingeschlossen wurde, um der Straße zu folgen, der er,
mit Keuchen, gehört.
FESTIVALS
Im
Piemont finden einige der größten italienischen Figurentheaterfestivals
statt mit sichtbaren Vorzügen, in der Lage, große internationale
Kompagnien einzuladen und sich als deutlicher Bezugspunkt
auch in der Ausbildung anzubieten. Es ist sicher kein
Zufall, dass sich das Piemont, wie wir gesehen haben,
einer so großen Anzahl junger, wenn nicht sogar sehr junger
Kompagnien rühmen kann.
Es ist ein Muss sich zu erinnern, dass zu Beginn der Achtzigerjahre
die Verwaltung des Erbes der Lupi durch Gian Mesturino
und die Gründung des damit verbundenen Museo della Marionetta
das größte Festival der Epoche schuf, Il gioco dei
fili: ein Ereignis, das sich einige denkwürdige Saisonen
wiederholte und die größten internationalen Kräfte nach
Turin brachte und Anregungen und Gärstoffe lieferte.
In gewisser Weise trat das 1994 von der Kompagnie Controluce
in Turin gegründete Festival Incanti seine Erbschaft
an. Die Besonderheit des Festivals ist es, dass es sich
von Anfang an an ein Erwachsenenpublikum wandte, mit großer
europaweiter Anziehung und einer Wendung gegen Osten:
der Plan ist sicher aufgegangen angesichts der großen
Zustimmung, nicht nur von Publikum und Kritik sondern
auch von Seiten der qualifiziertesten Ausführenden: daher
sind seit Jahren John McCormick, größter Gelehrter auf
dem Gebiet der Marionetten und Handpuppen und Trude Kranzl,
österreichische Organisatorenlegende, Stammgäste.
In Pinerolo wird Immagini dell'Interno neben der
internationalen Öffnung von der wichtigen Vetrina del
Teatro di Figura Piemonte begleitet, die sich immer
mehr als Treff- und Wachstumspunkt vor allem für die aufkommenden
Kompagnien zeigt. Das Teatro Alegre, Seele des Festivals,
vergibt bei dieser Gelegenheit auch 2 Preise: Dogmar,
für ästhetische Forschung über das Wesen der Marionetten
und den Gianduja di Pezza, von einer Fachjury dem besten
Stück einer piemontesischen Kompagnie verliehen.
Zwischen Alba, Langhe und Monferrato dagegen spielt sich
Burattinarte ab, eine Veranstaltung, die fähig
ist, das Theater auch auf die Plätze der kleinsten Zentren
zu tragen, für ein Freiluftfestival von großer Zustimmung,
das die Berufung der beiden Organisatoren, Claudio & Consuelo,
für das Straßentheater wiederspiegelt.
In San Giacomo di Roburent, in der Gegend von Cuneo, hat
die Kompagnie Grilli das San Giacomo Puppet
Festival ins Leben gerufen, das sich immer mehr als
offener Raum für die jungen nationalen Kompagnien abgezeichnet
hat.
Zu erwähnen ist noch Assoli - das kleine aber historische
Festival von Viguzzolo veranstaltet von der Associazione
Peppino Sarina - das den wertvollen Verdienst hat, das
erste nationale nur völlig einem erwachsenen Publikum
gewidmete Treffen zu sein; das Festival Nazionale dei
Burattini - Premio ai Bravi Burattinai d'Italia, ein
außergewohnliches Ereignis in Silvano d'Orba: einer
Ortschaft von ein wenig weniger als 2.000 Einwohnern,
die es geschafft hat, durch die Puppen wieder in Erscheinung
zu treten, verstanden als sichtbare Strategie der Aufwertung
der Gegend; und das in zeitlicher Reihenfolge zuletzt
entstandene, das Europuppet FestiValsesia
der Bottega Teatrale in Varallo Sesia.
Nicht eigentlich Festivals, aber sicher gefestigte und
jährliche Treffen sind Figure di Notte, die
weiße Nacht des Figurentheaters, organisiert von Dottor
Bostik in der Casa del Teatro Ragazzi e Giovani di Torino
und L'alba del narrare in Grugliasco: eine Reihe
von Treffen, Aufführungen und Ausstellungen gewidmet der
Reflexion über das ursprüngliche Theater, angeregt vom
Istituto per i Beni Marionettistici e il Teatro Popolare
und der Fondazione Circuito Regionale del Piemonte.
FORSCHUNG UND AUSBILDUNG
Vom Gesichtspunkt der Forschung über das Figurentheaer
stellt das Piemont absolut ein Unikum dar. Bei der
Facoltà di Lettere e Filosofia dell'Università degli Studi
di Torino gibt es seit über 10 Jahren den einzigen
Lehrstuhl in Italien, der sich ausdrücklich mit der Geschichte
der Marionetten und Handpuppen befasst. Die Vorlesungen,
zuerst von Giovanni Moretti gehalten und jetzt
von Alfonso Cipolla, zielen darauf, diese komplexe
Theatersystem zu definieren und tw. zu rekonstrukturieren,
das, auf oft unlösbare Weise, alle Theateraktivitäten
bis ins die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts verbindet:
Musiktheater, Ballett, Schauspiel (Amateure und professionelles
Theater), Marionetten und Handpuppen teilen sich nicht
nur ein präzises Repertoire, sondern stehen untereinander
in synergethischem Wettstreit, in einer Beziehung von
Zirkularität und dauerndem Austausch. In dieser Richtung
gehen die Studien über das große Repertoire, das einen
Querschnitt durch die verschiedenen Arten von Aufführungen
gibt: Genoveffa di Brabante, Guerrin Meschino, Il fornaretto
di Venezia, oder auch die großen Tragödien Shakespeares
(Macbeth, Othello, Hamlet, Romeo und Julia) die sich in
Italien durch das Musiktheater und die Marionetten früher
verbreiteten als durch das Schauspiel.
Die Arbeit an der Universität findet ihre natürliche Fortsetzung
in der Tätigkeit des Istituto per i Beni Marionettistici
e il Teatro Popolare. Gegründet unter der Ehrenpräsidentschaft
von Roberto Leydi und geleitet von Giovanni Moretti und
Alfonso Cipolla, hat das Istituto seinen Sitz in der Villa
Boriglione aus dem 18. Jahrhundert im Parco Culturale
Le Serre in Grugliasco, Dank dem Protocollo d'Intesa abgeschlossen
mit der Regione Piemonte und der Comune di Grugliasco,
die nicht nur die Übersiedlung der reichen Marionetten-
und Handpuppensammlungen sondern auch der ungeheuren Bibliothek,
Ikonographie und des Archives gestattet hat. Unter den
aufbewahrten Fundi stechen die wertvollen Regiebücher
hervor, die Sales und Bellone gehört haben, absolut unter
den ältesten, darunter Le novantanove disgrazie di Gianduja,
das Manuskript der historischen Aufführung mit der am
25. November 1808 die Maske des Gianduja offziell in Turin
vorgestellt wurde. Die verschiedenen auf die Wege gebrachten
Projekte - gerichtet auf das Volkstheater in seiner Gesamtheit,
von den Heiligendarstellungen zu den historischen Wiederbelebungen,
zu Laientheater, zum Zirkus, zu den vielfältigen Formen
des Improvisationstheaters - haben es dem Istituto erlaubt,
eine kontinuierliche Herausgeber- und Ausstellungstätigkeit
zu entwickeln, mit Ausstellungen in Italien und im Ausland
(Österreich, Portugal, Frankreich, Quebec…).
Eine andere Einrichtung, die sich die Förderung des historischen
Erbes im Hinblick auf Marionetten und Handpuppen zu Aufgabe
gemacht hat, Studien, Publikationen, Ausstellungen und
Aktivitäten zur Verbreitung, Ausbildung und Aufführungen
fördert, ist Peppino Sarina in Tortona. Sie hat
ihren Namen von einem der größten Puppenspieler des 20.
Jahrhunderts, der zwischen dem Gebiet von Tortona und
dem Oltrepò von Pavia aktiv war, mit einem genau umrissenen
Repertoire der Tradition und der Reduktion der Ritterepik,
unterteilt in Zyklen von bis zu 120 abendlichen Abschnitten.
Der Theaterfundus der Familie Sarina, erworben von der
Fondazione Cassa Risparmio di Tortona, wird von der Associazione
verwaltet und stellt eine der wichtigsten italienischen
Handpuppensammlungen dar.
Aber das Piemont kann sich auch des konkreten Interesses
akademischer Einrichtungen für das Figurentheater rühmen.
Tatsächlich erneuert das Istituto Superiore di Studi
Musicali "Conservatorio Guido Cantelli" di Novara
in seinen Projekten die Verbindung zwischen Musik und
Marionetten und organisiert Treffen darüber, gibt Publikationen
heraus und veranstaltet Konzerte und Aufführungen. Aus
solchen Gründen wurde es eingeladen, am internationalen
Projekt Puppet & Music, veranstaltet vom CTA in Görz,
teilzunehmen.
Auch bei der Accademia Albertina di Belle Arti di Torino
gibt es seit einigen Jahren einen eigenen Kurs für Figurentheater,
gedacht als Überblick über den Entwurf und den Bau von
Marionetten, Handpuppen, Schatten und belebten Figuren
unter der Leitung des Bühnenbildners Massimo Voghera.
Ausbildungstätigkeiten für junge KünstlerInnen verschiedener
Nationalitäten werden außerdem innerhalb der Festivals
organisiert. Incanti verwirklicht seit einigen Jahren,
neben den traditinellen Schattentheaterwirkshop im Castello
di Rivoli - Museo d'Arte Contemporanea, das Projekt
Incanti Produce (P.I.P.), das die Möglichkeit bietet,
an einer richtigen Produktion unter Leitung eines Regisseurs
von internationalem Ruf teilzunehmen.
Vertiefungen der verschiedenen Techniken des Figurentheaters,
geleitet von den Gastkünstlern des Festivals, werden weiters
ins Programm von Immagini dell'Interno in den dem neugeschaffenen
Teatro del Lavoro in Pinerolo angeschlossenen Werkstätten
aufgenommen.
MUSEEN
UND SAMMLUNGEN
Lebhaftes Zeugnis der jahrhundertealten Gegenwart der
Marionetten und Handpuppen im Piemont wird durch die große
Anzahl der öffentlichen und privaten Sammlungen in der
Gegend abgelegt. Das Museo della Marionetta di Torino,
eingerichtet Ende der Siebzigerjahre, um das Erbe der
Familie Lupi zu würdigen, befindet sich in den Räumen
unter der Kirche Santa Teresa zusammen mit dem Teatro
Gianduja. In den Ausstellungsräumen werden einige der
wertvollsten Höhpunkte dessen gezeigt, was als
absolut reichhaltigstes Marionettenwerk mit seinen zwei
Jahrhunderten Geschichte und Beständigkeit angesehen werden
kann. Marionetten, Dekoration, Kostüme, Kulissen rufen
die Feste vergangener Zeit hervor, weisen auf die Weite
des Repertoires und den Aufwand der Dekorationen hin.
Seit einigen Jahren wird ein Projekt angedacht, das ganze
Erbe öffentlich zu erwerben für eine nötige Neuaufstellung
dieser so sehr mit der Geschichte Torins verbundenen Angelegenheit.
Ein anderes außergewöhnliches Marionettentheater ist das
bei den Fürsten Borromeo in ihrem Palazzo auf der
Isola Madre im Lago Maggiore befindliche. 1778 anlässlich
des Besuches des Principe Amedeo von Savoien gebaut, ist
es das lebendigste Zeugnis für die Großartigkeit der aristokratischen
Theater, geschaffen um ihre Gäste mit wandelbaren Marionetten,
fantastischen und grotesken Tieren, bühnenbildnerischen
Spielerein und Maschienen, die fähig sind, die verschiedensten
atmosphärischen Vorkommnisse nachzustellen, zu überraschen.
Es wurde schon hingewiesen auf die Sammlungen des Istituto
per i Beni Marionettistici e il Teatro Popolare und
der Associazione Peppino Sarina, die einen unabdingbaren
Bezugspunkt für die Geschichte des Figurentheaters im
Piemont darstellen, beherbergen sie doch Materialien und
Dokumente, die den größten Kompagnien des 19. und 20 Jahrhunderts
gehörten. (Für Einzelheiten der Sammlungen sei auf die
jeweiligen Homepages verwiesen). Besonders bedeutend unter
diesem Gesichtspunkt sind noch die in Vercelli
von der compagnia Niemen verwahrten Materialien:
dort befinden sich die alten Handpuppen der Familien,
Regiebücher und Kulissen der Burzio, der Marengo, der
Gambarutti, neben denen des Cousins Gualberto, des vielleicht
vielseitigstem Künstlers unter den Niemen, 1921 Erfinder
der Person Testafinas, naiver Gefährte Giandujas.
Eine zusammengestellte und teilweise beim Alfa Teatro
in Turin ausgestellte Sammlung ist dagegen die mit Sammlergeschmack
von Augusto Grilli geschaffene. Sie umfasst auf
besondere Weise eine satte Reihe von Zimmertheatern und
Spielzeugmarionetten, unter denen der Fundus Bonini mit
den Materialien der gleichnamigen 1874 gegründeten Turiner
Marionettenfirma hervorsticht.
Das Centro Studi del Teatro Stabile Torino hat
jüngst Marionetten, Masken und Kulissen vom Teatro dei
Sensibili von Guido Ceronetti erworben, während das Museo
Nazionale del Cinema in der Mole Antonelliana neben
seiner bemerkenswerten Sammlung an Schatten und Laternae
magicae einige Marionetten zu cinematografischen Themen
aufbewahrt, die dem Teatro dei Piccoli von Vittorio
Podrecca gehörten. Andere Marionetten von Podrecca
befinden sich im Fundus Serdoz-Teatro Fregoli der
von der Regione Piemonte erworben wurde, während die alten
Kulissen für Marionetten Teil der Sammlung Moretti
im Palazzo Madama sind.
Die Musei Civici di Novara haben wiederum die Theatersammlung
des Conte Marco Caccia di Romentino (1868-1940)
erworben, die in zahlreiche und komplexe Sektoren gegliedert
ist, die Theater, Musik und Aufführungen gewidmet sind,
unter denen eine bestimmte Anzahl von historischen Marionetten
verschiedener Herkunft zu finden ist.
In der Comune di Candelo, in der Gegend von Biella, hat
sich ein Fundus von Marionetten erhalten die den Burzio
gehörten, eine Erinnerung an die Gegenwart der Kompagnie,
die hier während des letzten Krieges glänzte.
In Ivrea werden von der Familie die Handpuppen des Schriftstellers
Carlo Brizzolara (1911-1986) aufbewahrt, von denen
einige ausdrücklich vom Maler Salvatore Fiume angefertigt
wurden. Nach der Schlacht von El Alamein in Gefangenschaft
geraten, veranstaltete Brizzolara Aufführungen im Konzentrationslager
von Geneifa in Ägypten. Die Texte dieser Aufführungen
wurden 1975 bei Einaudi veröffentlicht.
Aber es gibt noch viele private Sammlungen, wir weisen
wenigstens auf die des Malers Amerigo Carella
(1940-1999) hin: eine Sammlung von Berufsspieler- und
Spielzeugmaterialien, zu denen sich die von ihm mit Inspiration
des Liebhabers und äußerster technischer Klugheit geschaffenen
Marionetten gesellen.
LITERATUR
Die
intensive Forschungs-, Bewahrungs- und Förderungstätigkeit
setzt sich in eine überaus intensive literarische Tätigkeit
um. Praktisch all die Sachbuchliteratur auf diesem Sektor
entsteht im Piemont und überdeckt ein Fehlen an Studien
von fast einem halben Jahrhundert. Über 50 Bände sind
in den letzten 15 Jahren herausgekommen, die die Geschichte
der Marionetten und Handpuppen tiefgreifend nachzeichnen,
nicht mehr umschrieben auf das Gebiet des Volkstums, sondern
mit vollem Recht in die Geschichte des Theaters eingegliedert.
Dies ist eine der Charakteristiken der vom Istituto
per i Beni Marionettistici e il Teatro Popolare herausgegebenen
Werke, das auf die Beteiligung verschiedener Wissenschafter
zielt, um die verschiedenen Gebiete des Theaters, der
Musik, der Anthropologie und der Sozialwissenschaft abzudecken.
Die Associazione Peppino Sarina hat im besonderen
eine Reihe begonnen, die Werke teils aus dem traditionellen,
teils aus dem modernen Figurentheater versammelt; außerdem
vergibt sie, gemeinsam mit der Familie des Puppenspielers
Walter Broggini den Premio Dottor Burattino für
die beste Dissertation über das Figurentheater und veröffnetlicht
die besten Arbeiten.
Publikationen
des Istituto per i Beni Marionettistici e il Teatro
Popolare, Kataloge von Ausstellungen und Aufführungen
Publikationen
der Associazione Peppino Sarina
Monografien
- Pietro Porta, Gente di Sarina. Il burattinaio Peppino
Sarina e le comunità del Tortonese e dell'Oltrepò pavese
nella prima metà del Novecento, Präsentation von Alessandro
Napoli, Diakronia, Vigevano 1997.
- Gualberto Niemen, Autobiografia di un burattinaio, herausgegeben
von Pietro Porta, Tortona 2000.
- Franco Gambarutti, Una vita appesa ai fili, herausgegeben
von Pietro Porta, Junior, Bergamo 2005.
Ausstellungskataloge
- Le marionette Pallavicini, herausgegeben von Ezio Bilello,
Giampaolo Bovone, Remo Melloni, Sagep, Genova 1995.
- Pulcinell'arte. Duecento opere sulla maschera di Pulcinella,
einführende Beiträge von Alfonso Cipolla und Raffaele
De Grada, edizione Comune di Voghera, Voghera, 2000.
- Pupi catanesi a Genova. Una storia ritrovata, einführende
Beiträge von Alessandro Napoli und Ezio Bilello, Genova
2000.
Reihe
"Burattini in pedagogia"
- Walter Broggini, La magia del burattino, Junior,
Bergamo 1995.
- Roland Schöhn, Marionette, Präsentation von Mariano
Dolci, Junior, Bergamo 1998. - Hanspeter Bleisch - Ursula
Bleisch-Imhof, Teatro per i burattini - burattini per
il teatro. Un libro per creare e per giocare, Junior,
Bergamo 2003.
Reihe
"I testi del teatro di figura"
- Gualberto Niemen, La iena di San Giorgio, Präsentation
von Guido Ceronetti und Cesare Bermani, I Quaderni del
Battello Ebbro, Porretta Terme 1998.
- Famiglia Rame, La battaglia di Palestro. La battaglia
di Solferino e San Martino, herausgegeben von Pietro Porta
und Alfonso Cipolla, einführende Beiträge von Roberto
Leydi und Giovanni Moretti, mit einer unveröffentlichten
Zeichnung von Dario Fo, I Quaderni del Battello Ebbro,
Porretta Terme 1999.
- Giuseppe Sarina, Napoleone Bonaparte alla battaglia
di Marengo, einführende Beiträge von Pietro Porta, Franco
Castelli und Remo Melloni, mit einer Temperazeichnung
von Piero Leddi, I Quaderni del Battello Ebbro, Porretta
Terme, 2000.
- Famiglia Lupi, Aida, einführende Beiträge von Alberto
Jona und Alfonso Cipolla, Junior, Bergamo, 2002.
- Famiglia Gambarutti, Giuseppe Musso, ovvero Il Gran
Diavolo sulle montagne di Genova, einführende Beiträge
von Pietro Porta und Ezio Bilello, Junior, Bergamo 2003.
- Gigio Brunello, Gyula Molnár, Macbeth all'improvviso,
herausgegeben und einführender Beitrag von Pier Giorgio
Nosari, Junior, Bergamo 2003.
- Raffaele Crovi, Il viaggio di Astolfo (eingerichtet
von Velia und Tinin Mantegazza für das Teatro del Buratto),
herausgegeben und einführender Beitrag von Pier Giorgio
Nosari, Junior, Bergamo 2004.
- Giuseppe Sarina, Vita, miracoli, morte e gloria di S.
Contardo protettore di Broni, Vorwort von Gianna Vancini,
Einführung von Pietro Porta, Junior, Bergamo 2007.
Reihe
"Le tesi del Premio Dottor Burattino"
- Massimo Calì, Burattini e marionette tra Cinque e Seicento
in Italia, Junior, Bergamo 2002.
- Andrea De Alberti, Il Teatro dei Sensibili di Guido
Ceronetti, Junior, Bergamo 2003.
- Paola Campanini, Marionette barocche. Il mirabile artificio,
Junior, Bergamo 2004.
- Anna Dotti, I "Promessi Sposi" della Compagnia Carlo
Colla e Figli. Il melodramma nella tradizione marionettistica,
Junior, Bergamo 2004.
- Davide Marzattinocci, Cassandrino al Teatro Fiano. Il
teatro delle marionette a Roma nella prima metà dell'Ottocento,
Junior, Bergamo 2006.
- Laura Rocco, Peter Schumann. Tra utopia e rifondazione
del teatro, Junior, Bergamo 2007.
- Donata Amico, "Teatrar narrando": l'Opera dei pupi catanese.
Le "serate" di Raffaele Trombetta (1882-1928), Junior,
Bergamo 2008.
- Andrea Ferrari, Theatrum mortis. La marionetta nel teatro
di regia, Junior, Bergamo 2009.