Die
PIP-Produktion "Cavalleria Rusticana" oder - Das Glück
der Sprachverwirrung
Am Anfang war das Wort - oder ein Foto
PIP nahm seinen Anfang in Wels. Wer weiß, wer statt meiner
diesen September im schönen Grugliasco hätte weilen dürfen,
wenn ich nicht zufällig während des diesjährigen Festivals
Alberto und Jenaro, die Veranstalter von INCANTI und Spieler
der Gruppe Controluce, vor dem Hotel Greif getroffen hätte.
Etwaige Zweifel die Leitung eines workshop in englischer
Sprache mit dem Ziel einer Aufführung zum Thema "Oper"
im Rahmen des Festivals INCANTI anzunehmen, wusste Jenaro
mit einem Foto der wunderschönen Villa Boriglione (18.
Jhd.) sofort in den Wind zu schlagen. Dass die Villa nicht
wie ich angenommen hatte in Turin, sondern in einem Vorort
lag und dass wir weder, wie ich damals aus Jenaros englischen
Worten abzulesen meinte, in der Villa wohnten sondern
lediglich ihr gegenüber probten, jedoch tatsächlich in
einem Studentenheim wohnten, tat dem Aufenthalt keinerlei
Abbruch, denn was sahen wir, wenn wir morgens müde aus
unseren Fenstern sahen? Villa Claretta (17.Jhd), eine
Villa schöner als die andere. Wie sollte man bei so viel
Villen vor der Nase schlecht arbeiten können. Bella Italia!
Dank also dem ersten Sprach - Missverständnis aufgrund
dessen ich die Reise nach Italien angetreten habe.
Pupazzi
- Ragazzi (frei übersetzt: Puppen - Kinder/Leute)
Was aber wäre ein workshop - und sei der Ort noch so schön-
ohne seine Teilnehmer! Aus Berlin kamen mit mir Anna,
Lena und Jasmin, 3 Puppenspielstudentinnen der Hochschule,
wobei sich Jasmin bereit erklärt hatte mich als Regieassistentin
zu unterstützen. Zusammen mit Daniele, Stefano und Paola
(unschwer als italienisch sprechend zu erkennen) und Christoph
aus Österreich waren wir komplett.
Trennte anfänglich noch eine große Sprachkluft die Teilnehmer
voneinander, da jeder von ihnen aus Angst etwas in falschem
Englisch zu sagen, es vorzog gar nichts zu sprechen, so
war davon Tage später nichts mehr zu spüren. Denn wir
hatten uns einvernehmlich dazu entschieden einfach draufloszusprechen,
was auch immer für Satz oder Wortneuschöpfungen zu Tage
treten mögen. Engländer waren zum Glück keine anwesend
und so konnten wir fröhlich drauf los improvisieren und
uns an deutsch-italienisch-englischen Satzkonglomeraten
erfreuen, von denen ich hier einige veröffentliche.Um
z.B. die Spieler beim Improvisieren zu Ruhe und Konzentration
zu ermahnen, entglitt mir doch glatt der Satz " Try not
to talk overeinander!" der sogar von den Italienern sofort
verstanden wurde.
Wir waren zu einer Gruppe zusammengeschmolzen, die sich
blind verstand, in der man sich gegenseitig unterstützte
und Spaß miteinander hatte. Dass es uns gelang binnen
kurzer Zeit ein gutes, fröhliches Gruppenklima zu schaffen,
legte den Boden für eine konzentrierte, konstruktive Arbeit,
bei der jeder frei aus sich heraus gehen konnte. Aufwärmübungen
und Spiele sorgten dafür, dass wir locker wurden, einander
besser kennen lernten und wach und aktiv ans Probieren
gingen.
Unser Probenraum war das Chalet Allemand - wie schon erwähnt,
gegenüber der Villa - 10 min von unserer Schlafstätte
entfernt. Ein großer, hoher Raum indem man sich wunderbar
ausbreiten und bewegen konnte.
Die
5 Wochen unserer gemeinsamen Probenzeit lassen sich in
vier Abschnitte unterteilen:
1.
Workshop Stabpuppe " The floor is very glätt"
Im Gegensatz zu den Studentinnen aus Berlin, die Handpuppen
und Stabpuppenführung bereits im Laufe ihres Studiums
erlernt hatten, war diese Führungstechnik für alle anderen
Neuland. Durch Übungen, die ich gerne von den Berliner
Studentinnen anleiten ließ, entwickelten die Teilnehmer
langsam ein Gefühl für den Körper der Stabpuppe und ihre
gestischen Ausdrucksmöglichkeiten.
Da die meisten bisher hauptsächlich Marionetten gespielt
haben und erst erlernen mussten mit einer in der Luft
gehaltenen Puppe einen Boden drunter vorzutäuschen, war
folgende von Lena und Anna angeleitete Improvisation besonders
wichtig. Die Spieler sollten die Puppe auf verschiedenartigen
Böden gehen lassen. Nachdem der Boden mal Schlamm, mal
heißer Sand war sollten die Puppen über Eis schlittern:
"And now the floor is very glätt!" Unsere Sprachverwirrung
war für uns also weniger ein Hindernis als stetiger Anlass
zu allgemeiner Erheiterung und guter Laune. Innerhalb
einer Woche bekamen alle Teilnehmer ein Gefühl für diese
spezielle Art der Mimik-Stabpuppe, bei der sie nicht nur
ihre Haltung und Armbewegung, sondern auch noch die Mundbewegung
der Puppe beachten mussten.
2. Erarbeitung der Szenen durch Improvisation- " Something
purzels out of your mouth!"
Ich hatte mich nach Beratschlagung mit Alberto und Jenaro
für die Oper "Cavalleria Rusticana" entschieden und dafür
Mimik-Stabpuppen aus einer Inszenierung von meiner Gruppe
KASOKA ausgewählt, die eine große komische Wirkung besitzen.
Der Kontrast, der sich aus dem Zusammenspiel dieser komischen
Figuren und einer ernsten, sehr tragischen Oper des Verismo,
ergibt, stellte für mich den Reiz dieser Inszenierung
dar. Mein Konzept war, den Puppen beim Einstudieren dieser
Oper zuzuschauen, ihr Bemühen zu sehen, wie echte Opernsänger
zu wirken, wobei die Probe immer wieder von ihren eigentlichen
persönlichen Befindlichkeiten und Bedürfnissen gestört
wird.
Private Beziehungen fließen in das Geschehen der Oper
mit ein und überschneiden sich mit der Handlung bis Realität
und Fiktion nicht mehr zu unterscheiden sind. Die Charaktere
der Figuren und ihre Beziehungen untereinander mussten
wir durch Improvisation finden. Bei den Improvisationen
hat sich gezeigt, dass jeder am besten und lockersten
in seiner Muttersprache mit seiner Figur sprechen konnte,
zumal man beim Improvisieren nicht nachdenken soll, sondern
im besten Fall die Wörter einfach rauspurzeln. Ein italienisch-
deutsch-englischsprachiges Puppenensemble war geboren
und mit ihm viele komische und berührende Szenen.
3.
Festlegen der Szenen und der Rahmenhandlung - " We have
it in the box!"
Bei diesem Schritt war es für uns alle sehr hilfreich,
dass Gyula Molnàr für drei Tage zu uns stieß und mit dem
Blick von außen, der uns über die Wochen verloren gegangen
war, seinen Eindruck beschrieb und uns in unserer Arbeit
bestärkte. Dank seiner Gabe Unstimmigkeiten der Handlung
in Windeseile zu erfassen und dank seiner dramaturgischen
Erfahrung konnten wir die Rahmenhandlung stringenter und
verständlicher gestalten. In dieser Phase legten wir den
gesprochenen Text in italienisch und englisch fest und
irgendwann "hatten wir es im Kasten".
4. The show "It would go"
Am 7. Oktober war es dann endlich soweit und unser aller
Kind durfte laufen lernen als der Vorhang für die wunderbare
Truppe des 1. PIP aufging. Für eine Geburt war die Uhrzeit
von 23 Uhr reichlich spät gewählt, aber unsere Cavalleria
ist sofort losgelaufen und hat vor einem leicht müden
Publikum zu italienischen Opernklängen Luftsprünge vollführt.
Dank
Ganz herzlich möchte ich mich bei Alberto und Jenaro und
dem Istituto per I Beni Marionettistici bedanken, die
mir und der Gruppe eine wunderbare Arbeit in Gruliasco
ermöglichten. Sie versuchten all unsere Wünsche während
der Probenarbeit zu erfüllen und wenn sie nicht direkt
ansprechbar waren, dann stellten sie uns Delfina zur Seite,
die alle Sachen, die wir für unsere Arbeit benötigten
schnellstens besorgte und alle für uns schwierigen oder
unangenehmen Dinge erledigte. Grazie mille!
Ausblick
Schade, wäre es, wenn diese Vorstellung unserer "Cavalleria
Rusticana" bei Incanti die einzige gewesen sein sollte,
zumal das Stück durch seine internationale Truppe und
die Verbindung von englisch, deutsch und italienisch überall
ohne Sprachbarrieren gespielt werden könnte. Wir haben
eine Zusammenschnitt der Inszenierung auf DVD erstellt
und senden diese gerne an interessierte Veranstalter.
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